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DIE TAGESZEITUNG JUNGE WELT | »Wir wären dumm gewesen, nicht darauf einzugehen«

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Spanische Universitäten: Viele Studierende sind auf günstige

Darlehensangebote hereingefallen. Ein Gespräch mit Carmen G. de la Cueva

Interview: Carmela Negrete
Foto: Carmela Negrete
Carmen G. de la Cueva ist Sprecherin einer Gruppe spanischer Universitätsabsolventen, die staatliche Studiendarlehen aufgenommen hatten und sie jetzt nicht zurückzahlen können

Sie sind Sprecherin der »Plataforma de Afectados por los Préstamos Universitarios« – übersetzt heißt das ungefähr: Interessengruppe derjenigen, die staatliche Studiendarlehen nicht zurückzahlen können. Wie ist es dazu gekommen?

Wir hatten während unseres Master-Studiums ein Darlehen der Regierung in Anspruch genommen – heute sind wir arbeitslos und haben kein Geld, unsere Schulden zurückzuzahlen. Einigen von uns fehlt es am Nötigsten zum Leben! Trotzdem verlangt der Staat von uns, die gesamte Summe aufzubringen. Wir würden gerne zahlen, können es aber beim besten Willen nicht.Was will Ihre »Plattform« erreichen?

Die Darlehen wurden 2007 von der sozialdemokratischen Regierung unter Jose Luis Rodriguez Zapatero eingeführt; sie hatten sehr günstige Konditionen und keine Vorbedingungen. Das Versprechen war, daß Kreditnehmer von der Tilgung befreit werden, falls sie nach dem Studium weniger als 22000 Euro pro Jahr verdienen. Man wäre damals als Studierender dumm gewesen, wenn man nicht darauf eingegangen wäre

Die Grundidee war, daß die jungen Leute nach dem Examen einen gut dotierten Job finden. Diese Annahme war aber falsch, die Jugendarbeitslosigkeit hat mit 60 Prozent mittlerweile beschämende Ausmaße erreicht. Es gibt heute in Spanien keine Arbeitsplätze mehr für junge Menschen – egal, was man studiert hat. Unsere berufliche Situation ist geprägt durch unbezahlte Praktika oder Jobs zu Hungerlöhnen. Auf der anderen Seite mehren sich die Fälle von Korruption und Amtsmißbrauch der Herrschenden.

Trotz dieser prekären Lage werben die Universitäten aber ungerührt weiter für diese Art der Studienfinanzierung. 2010 wurden die Kreditbedingungen aber stark verschlechtert, der Staat bestand auf ausnahmsloser Rückzahlung, es wurde ein Zinssatz von 3,14 Prozent eingeführt.

Zwei Jahre nach Beendigung des Studiums muß man die erste Kreditrate zahlen. Die Mitglieder unserer Plattform haben zwischen 2000 und 20000 Euro Schulden, die monatliche Belastung liegt zwischen 100 und 400 Euro. Für viele von uns ist das aber eine astronomische Summe. Von ihren Familien können die meisten keine Unterstützung erwarten, da auch sie die Wirtschaftskrise schwer getroffen hat.

Der Plattform haben sich bis heute fast 500 Betroffene angeschlossen. Es werden mit Sicherheit mehr, weil 2014 für viele Kreditnehmer die Zweijahresfrist abläuft, nach der sie das Darlehen zurückzahlen müssen.An wen richtet sich Ihr Protest?

Wir gehen direkt auf die zuständigen Behörden und die Regierung zu. Diejenigen, die dieses Problem verursacht haben, müssen auch die Verantwortung dafür übernehmen. Unsere Forderung lautet, daß die Kredite gestundet werden – die Regierung weigert sich jedoch. Glücklicherweise können unsere Familien nicht für die Rückzahlung in Anspruch genommen werden. Bürge der Kredite ist laut Vertrag der spanische Staat.Und was fordern Sie?

Wir schlagen vor, daß die rückzahlungsfreie Frist von heute zwei Jahren verlängert wird. Außerdem muß auch für die Zeit ab 2010 gelten, daß die neu gewährten Dahrlehen zu den ursprünglich vereinbarten Bedingungen vergeben werden – d.h.: keine Tilgung, sob lange man weniger als 22000 Euro Jahreseinkommen hat. Wir alle haben weder Einkommen noch Vermögen – wir haben nichts mehr.

Statt dessen werden wir beschuldigt, das Geld gar nicht zurückzahlen zu wollen. Man wirft uns auch vor, kein Studium gewählt zu haben, das einen späteren Arbeitsplatz garantiert. Es scheint fast so, als ob Spanien keine Experten mehr für Biologie, Stammzellenforschung, Architektur, Arbeitsschutz oder Archäologie braucht. Auch keine Ärzte, Krankenpfleger und Ingenieure – viele von denen gehen nach Deutschland und arbeiten dort als Kellner.

Eine andere Forderung von uns ist, daß die Banken die Rückzahlung stunden. Wir verlangen auch, daß niemand aus seiner Wohnung gepfändet werden darf, der nicht zahlen kann.

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